Die Vorteile eines Reiselandes sind in den animierenden Reiseführern im Stil der Verherrlichung beschrieben, die Nachteile werden meist verschwiegen und erzeugen bei den Verführten oft zu Enttäuschung oder gar Frust.
Vorwort:
Wer –
- sich gerne vor dem Urlaub mit den romantisch-kitschigen Bildern aus dem Urlaubsprospekt eine paradiesische Trauminsel vorstellt und sich diese Bilder nicht verderben lassen möchte
- gerne eine riesengroße Suite bewohnt, in welcher man sich lediglich zum Waschen und Schlafen aufhält
- gerne lesend am Strand oder Pool den ganzen Tag über im Liegestuhl liegt
- sich gerne im klimatisierten Ausflugsbus zu den so genannten Sehenswürdigkeiten fahren lässt
- es toll findet, am Abendbuffet im Indischen Ozean Schwarzwälder Kirschtorte zu schlemmen
- dafür gerne umgerechnet 200 bis 300 Euro pro Tag (ungefähr das Doppelte des Monatslohns vieler Zimmermädchen) bezahlt
der möge sich das Studium der weiteren Zeilen getrost sparen.
Reisezeit: 4 Wochen im November -Dezember 2005
Wir haben den Transport und die Unterkünfte vor Ort selbst organisiert und dabei im Westen (Flic en Flac), im Südwesten (Morne) und im Osten (Trou d’eau douce) gewohnt und von dort aus jeweils zu Fuß auf ausgedehnten Wanderungen (mit Unterstützung des öffentlichen Bussystems) die Umgebung erkundet. Die restlichen Gebiete wurden auf Tagesausflügen besucht.
Fazit für ungeduldige Leser:
Um es vorwegzunehmen –
Es gibt viele Urlaubsziele mit spektakuläreren Natursehenswürdigkeiten (Landschaften, Pflanzen, Tiere, Strände, Meerwasser, Wanderwege usw.)
oder anspruchsvolleren Kultursehenswürdigkeiten (Gebäude, Kirchenbauten, Museen, Denkmäler, usw.), aber das Besondere auf Mauritius sind die liebenswürdigen Menschen mit ihrer außerordentlichen Toleranz gegenüber dem Fremden, der anders aussieht und anders denkt. Die entscheidende Frage ist, ob man bei einem Urlaub nach Katalog diese wundersame Entdeckung überhaupt machen kann.
Landschaftsbild:
Flache Ebenen (vor allem im Norden und im Zentralland) sowie kegelförmige Vulkanberge prägen das Landschaftsbild. Tropische Vegetation (z.B. Regenwälder) ist praktisch keine mehr vorhanden, da diese von den Holländern schon vor 400 Jahren vernichtet wurde. Palmengesäumte Strände gibt es nur innerhalb der Hotelanlagen, am normalen Strand stehen ausschließlich Nadelbäume.
Optisch am reizvollsten ist meines Erachtens der Südosten von Tamarin über Morne Trabant bis Baie du Cap.
Stadtbild:
Die Urlauberressorts sind leider kein Maßstab für die mauritische Baukunst, da es sich um völlig künstliche Welten handelt. Der Beruf des Architekten oder gar eines Stadtbaumeisters scheint auf Mauritius nicht zu existieren und es wird ganz pragmatisch nach ökonomischen Kriterien (billig) gebaut. Die Häuser bestehen aus Stahlbetonskeletten mit Wänden aus Hohlblocksteinen, in der Regel unverputzt und ohne Farbanstrich. Als Folge dessen schauen die Wohnsiedlungen nicht gerade reizvoll aus.
Allgemeine Anmerkung zur Baukultur: Die toskanischen Dörfer sehen nur deshalb so romantisch aus, weil jedes Haus, selbst wenn es noch so verfallen ist, mit einem ziegelroten Satteldach bedeckt ist.
Ökologie:
Land:
Auf den ersten Blick erscheint das Land sehr grün. Sehr große Teile – praktisch jeder freie Quadratmeter, der noch nicht für Besiedlung genutzt ist – sind mit Zuckerrohr bepflanzt. Nach der Ernte sind die Felder kahl (Stoppelfelder) oder abgebrannt, die übrige Zeit jedoch saftig grün, so dass auf den ersten Blick die Insel als angenehm fruchtbar erscheint. Ökologisch gesehen stellen die Zuckerrohrplantagen riesige Monokulturwüsten dar. Man muss sich das so vorstellen, als wenn ganz Deutschland nur mit Mais bepflanzt wäre. Im Übrigen habe ich noch nie so viele leere weggeworfene Kanister mit Atrazin (Herbizid, seit 1991 in D verboten) in der Landschaft rumliegen sehen.
Müll in der Landschaft ist leider, wie im Forum schon vielfach beklagt, ein generelles Problem, da die Einwohner von Mauritius den Müll am liebsten durch das offene Autofenster entsorgen. Wir haben zu unserem Entsetzen beobachtet, wie die Busschaffner auf der letzten Fahrt am Abend den Abfallkorb mit dem ordentlich gesammelten Müll zur offenen Bustür in die Natur hinausbefördern.
Luft/Lärm:
An den hotelbestückten Stränden herrscht teilweise ein hohes Aufkommen an Motorbooten, deren Außenbordmotoren ölgeschwängerte Abgasschwaden verursachen. In Stadtgebieten ist der Lärmpegel nachts leider relativ hoch (Hund, Hähne, Mopeds).
Wasser:
Behandeltes Trinkwasser ist anscheinend überall (noch) verfügbar. Große Mengen Süßwasser aus den Flüssen verbraucht die Bewässerung der Zuckerrohrfelder sowie der Golfplätze.
Abwasser:
Ich konnte keine einzige Kläranlage entdecken. Es gibt viele Küstenorte, in denen es furchtbar nach Kloake stinkt, vor allem auf dem in den Reiseführern als sehr romantisch beschriebenen Südteil der Ostküstenstraße (zwischen Flacq und Mahébourg) durchfährt man manche Orte besser mit zugehaltener Nase. Neue Awasserknäle (ins Meer) sind gerade in Bau.
Meerwasser / Unterwasserwelt:
Wie mittlerweile fast überall auf der Welt, ist direkt an der Küste, d.h. vom Strand aus, beim Schnorcheln nicht all zu viel zu sehen. Es gibt Korallen und Fische, Urlauber die jedoch vor anderthalb Jahrzehnten am gleichen Ort waren, sind vom offensichtlichen Artenrückgang erschrocken.
Insgesamt kann man jedoch den Küsten mit den Touristenzentren im internationalen Vergleich noch eine relativ gute Badewasserqualität bescheinigen.
Achtung: Alle Küsten sind mit Seeigel verseucht, d.h. sobald sich im Sandstrand ein Stein oder Fels befindet, sind diese mit langstachligen Seeigeln besiedelt. Badeschuhe oder Flossen und besondere Vorsicht, vor allem bei Ebbe, sind daher zum Baden unerlässlich.
Besonders positiv fällt auf, dass alle Strände prinzipiell öffentlich zugänglich sind (mit ganz wenig Ausnahmen), so dass man oft kilometerlange Strandspaziergänge unternehmen kann.
Klima:
Im November und Dezember waren sehr angenehme Temperaturen mit gelegentlichen Niederschlägen (meist nachts) ohne Schwüle durch den stetigen Südostpassat. In diesen Monaten stören auch fast keine Stechmücken, außer wenn nachts mal der Wind einschläft.
Achtung: Die Sonne scheint erbarmungslos von senkrecht von oben und viele Urlauber erkennen in der angenehm kühlenden Brise die Gefahr nicht.
Gesellschaft:
Auffällig ist die extrem hohe Bevölkerungsdichte (ca. 600 Einw. / km2), womit Mauritius unter den ersten 11 Staaten weltweit liegt.
Die Städte, die sich von der Hauptstadt Port Louis (155.226 Einwohner) ins Binnenland ziehen (Beau Bassin-Rosehill (110.822 Einwohner), Vascoas-Phoenix (106.761 Einwohner), Curepipe (84.200 Einwohner), Quatre Bornes (80.961 Einwohner)) gehen nahtlos ineinander über und bilden zusammen eine Megasiedlung.
Sehr erfreulich ist die Tatsache, dass es auf Mautirius – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – funktionierende Familien gibt, d.h. es fällt sofort auf, dass die Väter in ihrer Freizeit bei der Familie sind und sich intensiv um die Kinder kümmern. Es gibt anscheinend weinig Kriminalität und so gut wie keine Bettler (seltene Ausnahme in der Hauptstadt Port Louis). Es ist deshalb überhaupt kein Problem, sich völlig frei im ganzen Land zu bewegen.
Händler am Strand sind nicht penetrant und lassen sich durch ein einfaches aber bestimmtes „No merci, Monsieur“ oder „No thank you“ leicht zum weiterziehen bewegen.
Bevölkerung:
Sehr bunte Mischung in Aussehen, Kultur, Kleidung, Religion, die z.B. beim Picknick am öffentlichen Strand erstaunlich dicht nebeneinander ihre Verschiedenartigkeit ausleben. Dies zeugt von einer recht hohen Toleranz dem Fremden gegenüber.
Die Menschen sind sehr ruhig, zurückhaltend, gelassen und freundlich.
Essen und Trinken:
Aufgrund der ungesunden Ernährung der armen Schichten (Zuckerrohr und Maniok) weist Mauritius eine der höchsten Diabetesraten (> 10% der Bevölkerung) der Welt auf.
Die Ernährung für Touristen ist unproblematisch, da es fast alle Lebensmittel zu moderaten Preisen zu kaufen gibt. Es gibt kaum Schweinefleisch (wg. Moslems) und Rindfleisch (wg. Hindus) dafür umso mehr Hähnchen oder Fisch. Mein wirklich einziges Ernährungsproblem ist das Brot, da es wie in Frankreich nur Baguette oder runde Weißbrötchen gibt. Müsli (Nestle, Weetabix) ist extrem teuer und lagert nur für die Touristen in den Supermärkten.
Die Mauritier ernähren sich hauptsächlich von Reis mit Linsen und Hähnchen oder Fisch, Pfannkuchen (Farata) mit Kürbismus, gebratenen Nudeln.
Wasser und Bier sind günstig. Die Einheimischen trinken gerne Rum mit Cola (man beachte die mengenmäßige Reihenfolge).
Verkehr/Transport.
Die einzig wirkliche Plage auf Mauritius sind die Taxifahrer, da es viel zu viele davon gibt und viele versuchen, Touristen zu neppen. Gut die Hälfte des gesamten Verkehrs auf der Insel entsteht durch leer umherfahrende Taxis auf der verzweifelten Suche nach Kunden.
Das öffentliche Bussystem funktioniert sehr zuverlässig und preisgünstig. Außerdem bietet die erhöhte Sitzposition eine gute Aussicht, während man aus einem Auto meist nicht über Zuckerrohrpflanzen hinwegblickt.
Von Mietwagen rate ich ab, da der Fahrer nur damit beschäftigt ist, die meist enge und kurvenreiche Straße zu treffen (Linksverkehr), den Weg zu suchen oder den einheimischen Rasern (Überholen trotz Gegenverkehr ist leider üblich) auszuweichen.
Unterkünfte:
Es gibt nicht allzu viele, dafür aber eine sehr breite Bandbreite an Unterkünften:
Kategorie Preis in € für 2 Personen / Nacht
Luxus-Ressorts (siehe Urlauberkataloge) 400-1600 €
Mittelklasse-Ressort 200-400
Mitteklasse-Hotel 50-100
Apartment, Studio, Bungalow von privat 30-50 *
in guter Lage ohne Verpflegung
Apartment, Studio, Bungalow von privat ca. 15 **
in Stadtlage ohne Verpflegung
* Diese Kategorie, die von uns bevorzugt wird, ist meist mit Stammgästen belegt, die schon lange im Voraus reservieren.
** Hier muss man gewöhnlich Abstriche bei der Sauberkeit, vor allem im Bad/WC, machen.
Noch ein paar Bemerkungen zu ausgewählten Sehenswürdigkeiten:
Wie in anderen Teilen der Welt dient die Ausweisung eines Nationalparks oftmals nur dem zukünftigen Schutz der Landschaft oder der Beantragung von Fördergeldern. Der Nationalpark „Black River Gorges National Park“ sollte eher den Namen „Taxidriver-National-Park“ tragen, da man als Wanderer nur auf den von Taxis überschwemmten Straßen zu den Ausgangspunkten der Wanderungen gelangt.
Ile aux Cerfs
Wie auf den Infoseiten dieser Webseite schon angedeutet, ist dieses von Reiseführern verherrlichte Ausflugsziel sehr kommerziell vermarktet und meiner Meinung nach nicht sehr attraktiv. Der angeblich herrliche Sandstrand entpuppt sich als seichte Sandbank zum Planschen, jedoch zum Schwimmen oder Schnorcheln sind die Strände relativ ungeeignet und am schmalen Landstreifen zwischen Strand und Golfplatz liegt wieder mal zu viel Müll.
Die Domaine du Chausseur als privater Wildpark bietet vor allem eine lohnenswerter Aussicht auf die Küste mit dem vorgelagerten Riff. Der Kestrel in der Hand des Vogelschützers wurde hier fotografiert.
Der an sich schöne botanische Garten Pamplemousse wird leider durch den Zubau von zoologischen Elementen (Riesenschildkröten und Rehe) verfremdet.
In der Hauptstadt Port Louis sollte man die Markthallen am frühen Samstagmorgen besuchen solange die Händler ihre Stände füllen und noch keine Menschenmassen durch die Gänge drängen.
So, das reicht fürs Erste. Um Missverständinissen vorzubeugen, möchten wir betonen, dass wir trotz aller geschilderten Einschränkungen wohl bald wieder nach Mauritius reisen werden.
Ich freue mich über eine konstruktive Diskussion wenn jemand ähnliche oder ganz andere Erfahrungen gemacht hat.
kestrel













. Natürlich haben wir auch einen großen Teil der Insel auf eigene Faust erkundet.



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