by Sophie-JG » Thu Apr 22, 2010 14:29
Erfahrungsbericht Pieter Both mit Vertical World:
Es ist früh am Morgen. Die Sonne strahlt. Wir fahren durch die Zuckerrohrfelder in Kolonne.
Der vollgeladene Land Rover fährt voraus - vorbei an kleinen urigen Dörfern, bunten Tempeln mit brennenden Kerzen am Straßenrand und schmalen und kurvigen Straßen. Geruch von Weihrauch steigt uns in die Nase. Wir sind mit Vertical World unterwegs.
An einem Dorf am Fuße des Berges Pieter Both machen wir Halt, nutzen eine kleine Seitenstraße, um unser Equipment für die bevorstehende Exkursion bereit zu machen.
Krish, der Leiter unserer Kletterexkursion, erklärt uns im perfekten Englisch leicht und verständlich wie wir weiter vorgehen werden. Er macht uns mit seinem Equipment vertraut. Mir ist mulmig zu Mute. Ich habe kaum Erfahrung, da ich das letzte mal vor 6 Jahren Klettern war. Beim Umlegen der Ausrüstung erfahre ich, dass viele erfahrende Kletterer sich unter unserer Gruppe befinden, die sich ausgelassen über ihre Erfahrungen austauschen oder lustige Storys in Erinnerung rufen, die sie mit Krish beim Klettern bereits erlebt haben. Unabhängig von den Erfahrungen, lässt er jeden einzelnen von uns „Kletter-Trockenübungen“ durchführen, sodass wir sicher im Umgang mit der Ausrüstung werden.
Jetzt kann es losgehen! Auf geht’s – zuerst marschieren wir quer Feld ein, dann kommen auch schon die ersten unerwarteten Hindernisse: Dort, wo das Feld in wildes Gestrüpp übergeht, tauchte vor uns ein Wespennest auf . Den Vordermann hat es erwischt. Autsch! Krish hat einige Stiche abbekommen. Der Rest von uns macht natürlich einen großen Bogen und bahnen uns unseren Weg durch die wild wachsenden Sträucher.
Diese tragen zur Zeit köstliche rote, süßbittere Früchte, die den heimischen Hagebutten ähnlich aussehen. Im Überfluss umgeben und angefeixt, leisten wir uns eine kleine Schlacht. Pock… Pock…Pock…Gelächter! Das Geräusch von Hagel? Nein, das Geräusch der Früchte, wenn sie ihr Ziel getroffen haben: unsere Helme!
Die Büsche werden immer dichter. Sie spenden uns Schatten vor der drückenden Sonne. Eine kühle Brise weht durch das Gestrüpp. Hier und da tauchen Hindernisse auf und der Aufstieg wird immer steiler. Unsere einzige Orientierung ist die markante Bergspitze von Pieter Both. Immer darauf zu, einfach quer durch die Pampa.
Ich bekomme das Gefühl, dass wir auf dieser Insel ein Stückchen Erde betreten, welches noch von der Menschheit unberührt geblieben ist. Doch als wir eine kurze Pause bei einem freistehenden Felsabschnitt einlegen, entdecke ich zwei einzelne nebeneinander liegende Ruppie Geldstücke. „Nicht anfassen! Wird zusammen Kopf und Zahl angezeigt?“ ruft Krish mir zu, der meine Entdeckung sofort gesichtet hat. Es stimmt, die Geldstücke sind so ausgerichtet. Es sei ein Relikt für Hexerei erklärt er mir sofort und ich solle es nicht anfassen.
Damit habe ich nicht gerechnet.
Weiter geht’s. Es wird steiler und der Aufstieg immer herausfordernder. Angekommen an einer Felswand kommen die Seile zum ersten Einsatz. Eine ca. 60 Meter lange Strecke müssen wir nun steil Bergauf hinter uns bringen. Ich blicke den grauen Felsen an. Er ist wie eine alte Mauer, die es zu überwinden gilt. Stück für Stück arbeite ich mich vor…
Die erste Etappe ist geschafft und ich komme an einem schmalen fast unsichtbaren Pfad am Abhang an und mache Halt. Jetzt bemerke ich wie das Adrenalin in meinem Körper seine Wirkung entfaltet hat. Der Ausblick von dieser Höhe ist bereits atemberaubend.
Doch weiter soll es gehen! Höher hinauf! Es ist wie ein Kick! Die Überwindung von Höhe und Herausforderung feixt.
Nun sind wir fast obenauf. Die letzte große Plattform nutzen wir, um bei dem überwältigen Ausblick eine Brotzeit (Baguettezeit) einzunehmen. Wir können fast die ganze Insel überblicken: den Hafen von Port Louis im Norden bis in den Süden nach Mahebourg, mit seinem Marine Park; selbst Flic en Flac im Westen und Cyber City im Inland mit seinen modernen Hochhäusern, die von hier so klein anmuten, kann ich erspähen. Von hier oben sehen die Zuckerrohrfelder aus, wie saftige Wiesen in den Alpen und der Anblick der Palmen untermalt die bunte Vielfalt dieser Insel sogar aus der Höhe.
Jetzt folgt der schwindelerregende Aufstieg. Ich fühle mich sicher. Mein Equipment ist in sehr gutem Zustand und die Befestigungen im Felsen sind doppelt gesichert. Krish hat erst letztes Jahr die Befestigungen installiert. Links und rechts von mir geht es ein paar hundert Meter steil Bergab und ich habe eine Fläche von ca. 6 Meter Breite für mein Klettermanöver und es gibt nur einen vertikalen Weg - ca. 40 Meter mit dem Seil steil aufwärts. Ich spüre wieder das Adrenalin in meinen Adern. Nun bin ich direkt unter dem kreisrunden Felsen, der dem Berg sein markantes Aussehen verleit. Der Wind pfeift, es ist angenehm kühl. Es geht weiter. Wir steigen nun auf den fast 10 Meter großen Felsen. Die große Weite ist überwältigend und zugleich surreal mit der unendlich erscheinenden Weite des Meeres!
Wow! Was für ein Trip!